08. November 2021 Insights, Produkte und Services

Unter der Oberfläche

Felix Steinbrink
UX-Designer

Im Interview erklärt unser UX Designer Felix, warum es wichtig ist, dass UX Designer in Deutschland zertifiziert werden, was ein gutes UX Design ausmacht und warum UX Design viel mehr ist als die Benutzeroberfläche einer Software.

 

Felix, warum ist eine Zertifizierung von UX Designern wichtig?

Die Zertifizierung schafft Transparenz. Das Problem: Jeder darf sich UX Designer nennen. Unabhängig davon, welche Ausbildung und Kompetenzen sie oder er hat. Deshalb hat die German UPA, der Berufsverband der deutschen Usability und User Experience Professionals, Standards geschaffen und ein Zertifizierungsprogramm aufgestellt. Das habe ich Ende 2018 abgeschlossen.

Was macht denn ein gutes UX Design aus?

Es gibt unzählige Faktoren, die man beachten muss: Farblehre, Design Standards, Nutzerpsychologie – um nur einige zu nennen. UX Design gestaltet nach Maßstäben, nicht nach Gusto.

Aber die Gestaltung dessen, was die User als Nutzeroberfläche sehen und erleben, ist tatsächlich erst der allerletzte Schritt im UX Design Prozess.

Wenn wir erstmal nur die Oberfläche betrachten: An welche Grundsätze sollte man sich halten?

Es ist wichtig, immer von der Zielgruppe aus zu denken: Für wen gestalte ich die Oberfläche? Welches Farbspektrum macht Sinn? Welche Sehgewohnheiten hat die Zielgruppe?

Ein einfaches Beispiel, um die Wirkung von Gestaltung zu verstehen ist die Farbe Rot. Gerade im klinischen Sektor ist sie schwierig. Ich setze sie ausschließlich ein, um auf Fehler hinzuweisen. Außerdem ist die Farbe sehr schwierig wegen der geringen Barrierefreiheit, Schlagwort Rot/Grün-Blindheit. Nicht zuletzt ist Rot eine Signalfarbe und steht für: Stopp! Gefahr!

Gutes UX Design gestaltet nach Maßstäben, nicht nach Gusto.

Du sagst die Nutzeroberfläche kommt im UX Design erst ganz am Ende. Das musst Du uns erklären. Was kommt denn vorher?

An erster Stelle steht immer die Idee oder ein konkretes Problem, das es zu lösen gilt. Dann kommt die Analyse der Zielgruppe. Welche Bedarfe und Bedürfnisse hat sie, wenn es um die Lösung eines bestimmten Problems geht? Was sind ihre Erwartungen? Was sind sie gewohnt? Und welche Prozesse gibt es im Unternehmen?

Hast Du ein konkretes Beispiel für uns?

Nehmen wir Plan B, das Ausfallmanagement für akuten Personalmangel, an dem wir gerade arbeiten. Hier geht es um die optimale Steuerung des vorhandenen Personals. Dann prüfen wir: Wie viele Marktteilnehmer haben dieses Problem tatsächlich? Ist es exotisch oder flächendeckend? Ist es dem Kunden wichtig, dieses Problem zu lösen? Erst dann entscheiden wir, ob wir uns damit beschäftigen. Im Fall von Plan B ist die Antwort klar: Ja, das Problem haben nahezu alle Krankenhäuser.

Normalerweise dauert es bei einem Personalausfall sehr lange, Handlungsoptionen zu erkennen. Es kostet viel Zeit von der Feststellung, wer ausgefallen ist, über die Klärung der Frage, welche Qualifikationen fehlen, bis hin zur qualifizierten Besetzung der kurzfristigen Vakanz. Dieser Schmerz ist bei allen Kliniken sehr groß.

Optimale Steuerung des vorhandenen Personals: beim Aufallmamangement der Pradtke GmbH werden schnelle Lösungen für bedeutende Probleme geschaffen.

 

Wie sieht der weitere Prozess aus?

Dann suchen wir Kunden, die uns das Problem ganz praktisch zeigen. Mit Hilfe des sogenannten Process Mapping zeichnen wir gemeinsam mit den Teilnehmenden alle Prozessschritte auf. Das haben wir bei Plan B mit einer Fokusgruppe von acht Kundenunternehmen getan.

Für unsere Softwarelösung ist immer eine Fragestellung zentral: Hat jeder Kunde einen eigenen Prozess oder ist dieser im Kern jedes Mal gleich? Genauso war es: Der Ablauf im Falle eines akuten Personalmangels ist bei allen Kunden nahezu identisch. Dort können wir mit unserer Software ansetzen.

In der nächsten Workshoprunde ging es um Wertigkeit und Inhalte: Welche Kennzahlen, welche Features und Ideen brauchen die Organisationen? So wächst das Konzept kontinuierlich über diverse Feedbackrunden weiter und dabei entstehen wieder neue Ideen.

Erst dann baue ich Oberfläche und Bedienkonzept in einem Prototyp zusammen. Hier sieht die Fokusgruppe bereits die geplante Benutzeroberfläche, also das, was man gewöhnlich als UX Design bezeichnet. Aber wie gerade beschrieben, geht der UX-Prozess viel tiefer.

Process Mapping für ein gutes User Experience: Beim Kundentermin wird zunächst der spezifische Prozess des Aufallmanagements aufgezeigt.

Nach Analyse aller Kundenbefragungen werden alle Prozesse in ein umfangreiches Process Mapping übersetzt.

Verstanden. UX Design ist vielmehr als das, was ich auf der Oberfläche sehe.

Definitiv. Deshalb ist eine Zertifizierung von UX Designern auch so wichtig. Es geht um viel mehr als darum, eine hübsche Benutzeroberfläche zu gestalten. Wesentlich ist es, die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse zu verstehen. Deshalb sind die Workshops so wertvoll. Hier sehe ich die ungefilterten Reaktionen der Leute. User Research ist die Grundlage für jede gute Softwarelösung.

Was ist der für Dich der wesentliche Mehrwert eines guten UX Designs?

Gutes UX Design reduziert Stress. Denn die Prozesse, die in der Software dargestellt werden, bilden einen Automatismus. Die User müssen nicht nachdenken, was sie tun, denn die Software nimmt ihnen das ab. Jeder Schritt ist selbsterklärend und baut automatisch auf dem vorhergehenden auf.

Bei Plan B bedeutet das: Die Software zeigt Dir nicht nur, wie Deine Situation ist, sondern auch, was das für Deine Station bedeutet. Muss ich handeln oder nicht? Und wenn ja, welche Handlungsoptionen habe ich?

Vielen Dank für das Gespräch, Felix!

 

Begriffserläuterung

UI = User Interface. Das, was die Nutzenden bedienen, die Benutzeroberfläche.

UX = User Experience. Das Gesamterlebnis innerhalb der Software, vom Aufruf des Programms bis zum Schließen.

 

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